Thesen

Ausblick: 21 Thesen zur Zukunft der autonomen Bewegung

1. Der Aufbau und Erhalt von autonomer Infrastruktur ist eine unserer größten Stärken. Wir haben in den letzen Jahrzehnten ein Netz geschaffen, eine Basis für radikale linke Politik und Kultur. Unsere Häuser, Zentren, Infoläden sind Ausgangspunkte für Organisierung, Vernetzung und Aktion, sie sind Basen und Experimentierfelder, sie sind Orte für subversive Gegensubjektivierung, sie sind wichtige Anlaufpunkte. Und sie bedeuten nicht zwangsläufig Ghettoisierung. Ihre Offenheit hängt von uns ab.

2. Wir sollten uns bemühen, alternative ökonomische und soziale Strukturen und Kapazitäten jenseits der staatlichen Bedingungen aufzubauen – vor allem, wenn wir uns selbst auch jenseits der 30 Perspektiven in der Bewegung verschaffen wollen. Existenzielle Bedürfnisse und das Maß an Sicherheit, das wir wohl alle brauchen, können und müssen in kollektiven Strukturen aufgefangen werden, wenn wir den Anspruch haben, eine Alternative zur Rückkehr in bürgerliche Verhältnisse zu entwickeln. Die manchmal stille, kontinuierliche Basisarbeit, der Aufbau von Verlagen, Zeitungen, Voküs, Arbeitskollektiven, alternativen Versorgungswegen, kurz: von kollektiven Strukturen ist nicht weniger wichtig als Kampagnenarbeit, Massenprotest oder direkte Aktion. Es ist die Basisarbeit, die unsere Bewegung – und ihre »großen Momente« – trägt. Kollektive Strukturen dürfen nie individuelle Bedürfnisse negieren, sie müssen vielmehr diese kollektiv befriedigen.

3. Es reicht nicht nur aus, uns die Frage zu stellen, warum bestimmte soziale Gruppen in unseren Strukturen unterrepräsentiert sind und wieso diese Strukturen bestimmte Menschen nicht ansprechen. Wir müssen, wollen wir diese Ausschlüsse ändern, die Bereitschaft haben, uns und unsere Strukturen zu ändern. Das bedeutet auch, unsere eigene soziale Position und Privilegiertheit zu hinterfragen. Wenn wir nur darüber reden, aus unserem Szeneghetto auszubrechen, ohne uns gleichzeitig aktiv um alltägliche Kontakte, um politische Zusammenarbeit jenseits dieser Grenzen und um den Abbau struktureller Ausschlusskriterien zu bemühen, wird sich nichts an der männlichen, sozial überprivilegierten, weißen Zusammensetzung unserer Bewegung ändern.

4. Es liegt viel Potential darin, wenn Leute mit unterschiedlichen Positionen, auch sozialen Positionen, politisch zusammenarbeiten. Je heterogener eine Bewegung, desto mehr spezifisches Wissen und differente Handlungsmöglichkeiten gibt es.

5. Wir dürfen nie davon ausgehen, mehrheitsgesellschaftliche Probleme mit dem Eintritt in die autonome Bewegung hinter uns zu lassen: der Kampf gegen Sexismus, Homophobie, Rassismus etc. hört nie auf.

6. Wir müssen verstehen, dass autonome separate Organisationsbedürfnisse in der Szene politischen Notwendigkeiten entspringen. Hier Spaltung oder Essentialisierung vorzuwerfen, negiert gesellschaftliche Gewaltverhältnisse. Wir haben, je heterogener wir in unseren Voraussetzungen sind, verschiedene Zugänge zu verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen und damit auch verschiedene politische Prioritäten. Statt monolithische Blöcke zu etablieren, in denen Gemeinsamkeiten erzwungen und die jeweiligen Prioritäten untergeordnet werden, sollten wir die verschiedenen Perspektiven und Ausgangspositionen ernst nehmen, aus denen heraus Menschen widerständig handeln. Diese Unterschiedlichkeiten erfordern – in einer solidarischen Bewegung – Sensibilität und Respekt.

7. Wir müssen eine Fokussierungen auf verschiedene politische Notwendigkeiten als eine unserer größten Stärken ansehen. Fatal für eine undogmatische radikale Linke wäre eine Gegennormierung, die ebenso wie gesellschaftliche Normierung Gewalt ausübt. Wollen wir nicht nur den König vom Pferd ziehen, sondern auch das Pferd befreien, kann es nur um Pluralisierung, Perspektivierung und Entideologisierung gehen.

8. Respekt vor den politischen Prioritäten alleine reicht nicht. Beschäftigen wir uns nicht mit den inhaltlichen Ausrichtungen, Forderungen und Ergebnissen anderer Schwerpunkte, laufen wir Gefahr, diesen entgegenzuwirken. Ums Ganze heißt eben auch, dass es die Abschaffung des einen Unterdrückungsverhältnisses nicht ohne die des anderen geben wird. Unterdrückungsverhältnisse gegeneinander zu diskutieren, bringt uns nicht weiter. Unsere pluralen Ansätze ermöglichen es uns, umfassende Gesellschaftstheorien zu entwickeln, die Verwobenheit von Unterdrückungsverhältnissen sichtbar zu machen, an vielen Punkten mit vielen Verbündeten hegemoniale Normalitäten zu erschüttern. Haben wir Kontakte zu Ein-Punkt-Bewegungen, können wir diese Bezüge dort hineintragen und so Widerstandsnetze knüpfen. Um diese Chance zu nutzen, müssen wir uns mit Interesse und Spannung begegnen. Bei Differenzen müssen wir Ausgangspunkte für gemeinsame Debatten finden. Hierzu sollten wir uns einer gemeinsamen inhaltlichen Basis sicher sein. Auf einer solchen können wir uns mit Meinungsverschiedenheiten solidarisch und produktiv auseinandersetzen.

9. Wir müssen uns um Versöhnung bemühen, wo Themen und Fragen tiefe Gräben geschaffen haben – dabei ist Bescheidenheit, Zurückhaltung und Geduld gefordert! Unterschiedliche Prioritäten führen zu Argumentationslinien, die durchaus erstmal konträr verlaufen können. Aber auf Grund von Kritik und Selbstkritik ganze Themenfelder über Bord zu werfen, löst keine Widersprüche.

10. Wir müssen die Herausforderung ernster nehmen, unsere Ideale hier und jetzt zum Ausdruck zu bringen: in unseren sozialen Umgangsformen, in unserem Alltagsleben, in unseren politischen Methoden. Wenn wir unsere politischen Ansprüche nicht auf uns selbst beziehen, wenn wir nicht auch uns selbst transformieren (wollen), werden wir unglaubwürdig. Selbstbestimmung heißt zudem Eigenverantwortung. Zur Eigenverantwortung gehört zumindest ein gewisses Maß an Verbindlichkeit. Bei allen Notwendigkeiten und Verbindlichkeiten müssen wir aber auch unsere Politik so gestalten, dass sie nicht zur »revolutionären Pflicht« wird, sondern Spaß macht.

11. Wir sind Menschen, keine Maschinen. Zur politischen Verantwortung gehört auch die Mitverantwortung für die MitstreiterInnen. Weder zu hart zu sich selbst noch zu hart zu anderen zu sein, aufeinander aufzupassen (ob nun in der Bezugsgruppe oder auf die Genossin oder den Genossen neben dir in der Kette), kann ein Klima schaffen, das Kraft, Vertrauen und Entschlossenheit gibt.

12. Wir sind immer dann gut, wenn wir uns selbst, unsere eigene Position in unsere Kämpfe mit einbeziehen, wenn wir Kämpfe gegen das führen, was uns angreift. Hierfür ist es notwendig, in Kommunikation miteinander zu treten, über Ängste und Probleme zu sprechen und gemeinsame Lösungsstrategien zu suchen. Wenn wir uns selbst in unsere Kämpfe einbringen, sind wir authentisch, entschlossen, begreifbar für andere und stärken uns zugleich, statt uns vereinzelt abzukämpfen und uns als isolierte Individuen ohnmächtig den gesellschaftlichen Strukturen ausgeliefert zu sehen.

13. Offenheit, Transparenz – bei aller nötigen Vorsicht – und Respekt vor anderen ist die Voraussetzung für solidarisches Miteinander.

14. Nicht nur Erfahrungen und Wissen, sondern auch Kontakte dürfen nicht mit denen, die die Szene verlassen, aus der Bewegung verschwinden. Alles muss an jüngere GenossInnen weitergegeben werden, ohne die durch Erfahrung vermeintlichen »richtigen Wege« zu proklamieren. Wenn Kontakte nicht nur über einzelne Personen laufen, sondern sich auf mehrere Menschen verteilen, können Verbindungen stabilisiert werden.

15. Wir müssen uns darum bemühen, autonome Politik (wieder) zu einer kontinuierlichen, öffentlich wahrgenommenen politischen Kraft zu machen. Das geschieht durch politische Inhalte ebenso wie durch Aktionen. Statt der ewigen Feuerwehrpolitik, sollten wir unsere eigenen Akzente und Inhalte wieder mehr in den Vordergrund rücken. Es ist in diesem Sinne nichts falsch daran, offensiv als Autonome oder autonome Gruppen aufzutreten. Unsere Kämpfe werden nicht nur stärker, wenn wir einander unterstützen, sie werden auch stärker, wenn andere um diese Unterstützung wissen. »Teile und herrsche« ist immer noch das Prinzip des Gegners.

16. Neben vielen kleinen Widerstandsherden an möglichst vielen Orten braucht es eine kontinuierliche Zusammenarbeit, die jenseits von Kampagnen überregionale Zusammenarbeit stärkt. Und überregionale Zusammenarbeit sollte nicht an nationalen oder sprachlichen Grenzen Halt machen. Regelmäßige Vernetzungstreffen wie Camps, Kongresse, Workshops, Vollversammlungen etc. können Informationsaustausch, Freundschaften, wichtige Diskussionen und gegenseitige Unterstützung entstehen lassen. Sie können dabei helfen, gemeinsame Aktionen oder Kampagnen einfacher oder effektiver zu gestalten. Und sie können uns das Wissen zurückgeben, dass wir nicht alleine vor uns hinkämpfen, sondern dass wir viele sind. Bei allen Versuchen der Vernetzung dürfen wir aber nicht unseren Bewegungscharakter aufgeben, nicht in zentralistische und damit homogenisierende Strukturen verfallen.

17. Metropolenarroganz hat in unseren Zusammenhängen nichts zu suchen. Konzepte lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Was für die Metropole zu gelten scheint, gilt noch lange nicht für alle Regionen. Genauso wie Widerstand in kleineren Städten oder auf dem Land von Strukturen in Metropolen lernen können, gilt das andersherum. Widerstand jenseits von Metropolen sollte von Orten mit mehr Ressourcen unterstützt werden. In diesem Sinne und zur Stärkung des Widerstandes außerhalb von Metropolen ist es sicherlich sinnvoll, überregionale Treffen auch jenseits von Metropolen stattfinden zu lassen.

18. Wir müssen uns um einen intellektuellen Diskurs bemühen, der außerhalb von Universitäts- und anderen Institutionsmauern stattfinden kann. Gleichzeitig sollten wir diesen nicht zum Standard erheben und versuchen, die sprachlichen Zugangsbarrieren so niedrig wie möglich zu halten.

19. Auf der Suche nach allgemeinen Richtlinien, Plänen, Vorgehensweisen und Strategien werden wir scheitern. Wir sollten uns situativ angepasste Entscheidungen vorbehalten, diese forcieren und ihren Wert als dynamische Konzepte anerkennen. Bei politischen Entscheidungen gilt es, alle Kontexte einzubeziehen (politische und regionale Kontexte, Ziele, Einschätzung der eigenen Stärke, der Kräfteverhältnisse etc). Generell befriedigende oder widerspruchsfreie Lösungen gibt es nicht, auch nicht in taktischen Entscheidungen. Das Denken in Dualismen bringt uns nicht weiter. Radikalität zeigt sich darin, Ziele nicht aus dem Auge zu verlieren, Ideale nicht zu verraten und nicht zuletzt darin, uns selbst zu prüfen und uns Kritik nicht zu verweigern.

20. Warum die Perspektive verlieren? Nur weil kein Aufstand in Sicht ist, heißt das noch lange nicht, dass es unnötig geworden wäre für andere Gesellschaftsformen zu kämpfen, gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Herrschaft. Wir schaffen jeden Tag neu die Möglichkeitsbedingungen für radikale Veränderungen. Nicht zuletzt verändern wir uns selbst. Und auch das sollten wir nicht unterschätzen. Wir erproben alltägliche selbstbestimmte Konzepte. Wir experimentieren mit möglichst hierarchiefreien Zusammenhängen. Wir probieren alternative gesellschaftliche und ökonomische Strukturen aus. All das sollten wir weiter ausbauen, ohne die vielen zu führenden Kämpfe zu vergessen. Vielleicht müssen wir uns in unserer Praxis, in unseren Ideen und Träumen selbst ernster nehmen, in dem Wissen, dass es geht.

21. Ein Buch hat seine Grenzen. Es kann über Taten sprechen, aber diese nicht ersetzen. Thesen sind bedeutungslos, wenn sie keinen realen Ausdruck finden. Dies ist als Aufforderung zu verstehen. Eine Bewegung, die sich bewegt, wird weitergehen!

In unseren Diskussionen kamen vor allem drei Punkte zur Sprache.

(ak wantok: Perspektiven autonomer Politik, S. 402-406)

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