Auszüge:
Autonome Diskussionen finden auf Treffen statt, auf Veranstaltungen und Demos, in Szeneblättern und Internet-Foren. Sie sind breit gefächert, vielfältig und komplex, und das ist gut so. Manchmal jedoch helfen gemeinsame Referenzpunkte, die Diskussionen zusammenfassen, zueinander in Beziehung setzen und in historische Zusammenhänge rücken. Dies kann zu mehr Klarheit führen, noch einmal neue Perspektiven ermöglichen und Grundlagen für weitere lebendige Diskussionen schaffen.
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Die erste Schwierigkeit, die sich bei jedem Buch zur autonomen Bewegung stellt, ist es zu umreißen, was die autonome Bewegung eigentlich ist. »Umreißen« ist hier bewusst gewählt – an eine »Bestimmung« oder »Definition« wollen wir uns nicht wagen. Einheitliche Glaubensgrundsätze autonomer Politik hat es noch nie gegeben, und das macht einen großen Teil der Attraktivität und historischen Stärke der Bewegung aus. Und dennoch lässt sich über die Differenzen ein Bogen spannen zu einer gemeinsamen Basis – zu einem gemeinsamen politischen Grundverständnis, das sich im Laufe autonomer Geschichte entwickelt hat, und das diejenigen, die sich als Autonome verstehen, vereint.
Die autonome Bewegung ist erstens eine Bewegung, die sich in libertärer linker Tradition verankert sieht, das heißt: Politik im Sinne sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit verfolgt, und zwar außerhalb bürokratischer Parteien- und Gewerkschaftsapparate.
Ideologisch blieb die Bewegung dabei immer offen. Zwar gab es immer deutliche anarchistische Tendenzen, doch verstehen sich bei weitem nicht alle Autonome als AnarchistInnen (und nicht alle AnarchistInnen als Autonome). Es fanden sich seit jeher auch marxistische, operaistische oder radikalökologische Positionen in der autonomen Bewegung. Vereint sind diese Strömungen in ihrer Ablehnung des kapitalistischen Systems, in Kämpfen gegen Staatlichkeit, gegen Neofaschismus, Rassismus und Sexismus und gegen jede andere Form der Unterdrückung. Wichtig scheint hier die Bereitschaft, politische Ansprüche auf sich selbst zu beziehen, sich selbst in die Kämpfe mit einzubeziehen, das Schlechte nicht (nur) nach außen zu projizieren.
Die autonome Bewegung ist eine Bewegung der Selbstbestimmung, die auf eigene individuelle und kollektive Freiheit abzielt, auf die Wi(e)deraneignung des Lebens, des Alltags, auf einen Kampf für politische, ökonomische und kulturelle Autonomie. Dies bedeutet auch eine Verweigerung gegen alle Versuche der Vereinnahmung, der Homogenisierung, sei es durch Staatlichkeit, durch Ideologisierung oder auch durch Normierungsversuche autoritärer linker Organisationen.
Die autonome Bewegung ist schließlich eine Bewegung, die eine eigenständige Kultur entwickelt hat; eine Kultur, die in Musik- und Kleidungsstil ebenso Ausdruck findet wie in sozialen Codes, Szene-Jargon oder Wohnformen. Während manche Autonome sich dieser Kultur nicht zugehörig fühlen (oder sie gar von sich weisen), ergänzen sich in der Regel kulturelle und politische Aspekte in autonomer Identität: wer sich als »autonom« definiert, fühlt sich dem politischen Grundverständnis ebenso verbunden wie den kulturellen Ausdrucksformen.
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Der autonomen Bewegung wurde immer wieder vorgeworfen, gemeinsame politische Inhalte hinter isolierten Einzelkampagnen zu verlieren. Diese Einschätzung ist nicht aus der Luft gegriffen, und entsprechende Bedenken sind ernst zu nehmen, auch hinsichtlich eines Publikationsprojekts wie diesem. Doch glauben wir nicht, dass wir es hier mit einem Entweder-Oder zu tun haben: Autonome Politik kann gemeinsame Stärke zeigen, nicht nur obwohl, sondern gerade weil sie vielfältig ist. Die Herausforderung liegt darin, die Gemeinsamkeiten zu unterstreichen und Verbindungen zwischen den spezifischen Kämpfen herzustellen, in die sich GenossInnen in ihren jeweiligen Lebenssituationen verstrickt sehen. Wir haben uns darum in diesem Buch bemüht – in der Struktur, den Fragestellungen, dem Ausblick am Ende.
Es geht uns mit diesem Buch nicht darum, Wahrheiten zu verbreiten, autonome Politik oder Identität zu normieren, sondern konkrete Vorschläge zur Diskussion anzubieten. Wir sind begeistert über andere Vorschläge.
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Wir trafen bei der Arbeit an diesem Buch auch auf Skepsis in der radikalen Linken. Manche vermuteten, hier seien nostalgische »Altautonome« am Werk, die eine Bewegung retten wollen, die es schon lange nicht mehr gäbe. »Altautonom« sind wir kaum. Die 80er Jahre verbrachten wir auf Spielplätzen, in Grundschulen und im Sportverein, nicht auf Barrikaden und in besetzten Häusern. Insofern gibt es auch keine Nostalgie. Als wir in den 90er Jahren begannen, autonome Politik zu machen, war die Hochzeit der Bewegung vorbei, und schon damals kam es zu den ersten Abgesängen. Warum uns solche bis heute nicht zu sehr beeindrucken, hat einen einfachen Grund: Die autonome Bewegung hat in den 1980er Jahren eine Infrastruktur geschaffen, in deren Rahmen sich linksradikale Politik in beeindruckender Form fortgesetzt hat und weiter fortsetzt. Selbstkritik ist wichtig und ein zentraler Aspekt dieses Buches. Ewiges Lamentieren bringt uns hingegen genauso wenig weiter wie pauschale Verurteilung. Klar, es sind viele Fehler gemacht worden, es ist fragwürdig, ob uns die autonome Bewegung in den letzten dreißig Jahren der Revolution näher gebracht hat, und es ist wahr, dass sich viele der internen Debatten – zu Freiraum, Militanz, Rassismus, Sexismus und vielen anderen Themen – oft im Kreise zu drehen scheinen. Doch reicht uns die Vorstellung deutschsprachiger Länder ohne autonome Bewegung, um von ihrer Bedeutung überzeugt zu sein: Wo wären die besetzten Häuser, autonomen Zentren und Infoläden? Wo wäre der Raum für Experimente mit antistaatlichen, antikapitalistischen Lebensformen? Wo wäre das kulturelle Auffangbecken für linke Jugendliche? Wo wäre die radikale libertäre Kritik an den Verhältnissen? Wo wäre der organisierte Widerstand gegen die extreme Rechte? Wo wären die sozialen Projekte – von Schutzräumen für MigrantInnen über Rechtshilfebüros für politisch Angeklagte bis hin zu Beratungsstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt – abseits staatlicher Institutionalisierung? Wo wäre das Potential militanten Widerstands, das, bei aller vermeintlichen Perspektivlosigkeit militanter Politik, seit jeher für die Unruhe der Herrschenden sorgt? Es kommt nicht von ungefähr, wenn radikale Linke außerhalb des deutschsprachigen Raumes der autonomen Bewegung mit Faszination und Neid begegnen. Natürlich ist da einiges an Verklärung dabei. Aber nicht nur. Es ist ein Indiz dafür, eine Bewegung geschaffen zu haben, die anregt und begeistert – eine Bewegung, die es wert ist, dass in ihr und um sie gekämpft wird.
Dem Argument, dass die autonome Bewegung im Jahre soundsoviel aufgehört hat zu existieren, ist intellektuell nicht beizukommen. Menschen haben unterschiedliche Definitionen der autonomen Bewegung, und wenn sich diese in manchen Fällen an historische Endpunkte koppeln, können wir uns definitorische Prämissen an den Kopf werfen, bis wir umfallen – helfen wird das nichts. Auffallend ist freilich, dass für viele ehemalige Autonome die Bewegung genau dann endete, als ihr Haus geräumt wurde, ihre Gruppe zerbrach oder sie keine Lust auf Politik mehr hatten. Kurz, denjenigen, die die autonome Bewegung für tot erklären, können wir sie nicht lebendig reden. Uns selbst reicht die Breite an GenossInnen, die sich unmittelbar dazu bereit erklärt haben, zu diesem Projekt beizutragen, um von ihrer Lebendigkeit überzeugt zu sein.
Abschließend zur Frage des Warum des Buches. Die Antwort scheint einfach: Wir wollten einen Beitrag zu einer Bewegung leisten, die seit langem ein wesentlicher Teil unseres Lebens ist und der wir uns eng verbunden fühlen – bei aller Kritik, die wir haben und die in diesem Buch auch zum Ausdruck kommt. Doch ist diese Kritik nicht falsch zu verstehen. Egal, welchen Hindernissen wir begegnen und wie oft wir auf der Stelle zu treten scheinen, wir sehen keinen Anlass, die Träume und Hoffnungen einer Bewegung, die uns am Herzen liegt, aufzugeben.
(ak wantok: Perspektiven autonomer Politik, S. 7-16)
